Was ist Seide eigentlich?

Was ist Seide eigentlich?

1.  „Seide ist eine Naturfaser – aber Naturfaser bedeutet nicht automatisch umweltfreundlich oder tierfreundlich.“

 

„Bei Seide müssen wir drei Fragen getrennt betrachten: Wie viele Ressourcen werden verbraucht? Wie wird das Tier behandelt? Und was passiert mit der Faser am Ende ihres Lebens?“

 

Seide ist eine Protein-Faser, die von verschiedenen Schmetterlingsraupen produziert wird.

 

Die wichtigste und weltweit mit Abstand bedeutendste Art ist:

Bombyx mori – der domestizierte Seidenspinner

 

Er wird seit Jahrtausenden gezüchtet und ist vollständig von der menschlichen Haltung abhängig.

 

Seine Nahrung: Maulbeerblätter

Deshalb wird diese Seide auch Maulbeerseide genannt.

Daneben gibt es sogenannte Wild- oder Nicht-Maulbeerseiden, darunter:

  • Eri
  • Tussar/Tasar
  • Muga

Die FAO

nennt diese drei als wichtige Nicht-Maulbeerseiden. Eri-Raupen ernähren sich beispielsweise von Rizinuspflanzen, Tussar-Raupen von verschiedenen Baumarten und Muga-Raupen unter anderem von Som und Soalu.

 

(FAO steht für Food and Agriculture Organization of the United Nations – auf Deutsch: Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen)

 

2. Die Geschichte der Seide

Seide hat eine unglaubliche Geschichte.

Die Seidenzucht stammt sehr wahrscheinlich aus China und ist mehr als 5.000 Jahre alt. Das British Museum datiert den Ursprung der Serikultur auf über 5.000 Jahre.

Eine berühmte chinesische Legende schreibt die Entdeckung der Seide der Kaiserin Leizu zu.

Der Legende nach fiel ein Seidenkokon in ihre Tasse mit heißem Wasser. Der Kokon löste sich und ein langer, glänzender Faden konnte herausgezogen werden.

 

Das ist eine Legende, kein historisch belegter Entstehungsbericht.

China bewahrte das Wissen über die Seidenproduktion lange als Geheimnis. Über Handelsnetzwerke gelangte Seide schließlich nach Zentralasien, in den Nahen Osten und nach Europa. (Einer Legende nach haben um das Jahr 550 herum zwei Mönche, Seidenraupen Eier aus China geschmuggelt)

 

Die sogenannten Seidenstraßen waren dabei kein einzelner Weg, sondern ein weit verzweigtes Netzwerk von Handels- und Reiserouten.

Seide war so wertvoll, dass sie teilweise sogar als Zahlungsmittel verwendet wurde. Für das China der Tang-Zeit ist dies beispielsweise dokumentiert.

 

3. 🌿 Wo wird Seide heute produziert?

Die weltweite Seidenproduktion ist stark konzentriert.

2023 entfallen ungefähr:

🇨🇳 China: 55 %
🇮🇳 Indien: 40 %

Damit stammen rund 95 % der weltweiten Rohseide aus diesen beiden Ländern.

 

4. 🐛 Wie entsteht Maulbeerseide?

Das Prinzip ist faszinierend.

 

Die Eier: Die weibliche Seidenmotte legt nach der Paarung mehrere hundert Eier ab. Die Eier werden gesammelt und für die nächste Generation Seide oder Zucht aufbewahrt.

Bei der kommerziellen Seidenzucht werden die Eier nicht einfach irgendwo in der Natur gelassen. Es gibt spezielle Zuchtlinien, aus denen gezielt die nächste Generation gewonnen wird.

 

Die Eier werden unter kontrollierten Bedingungen gelagert, damit die Entwicklung nicht zu früh beginnt.

Je nach Zuchtregion und Produktionssystem wird die Entwicklung über Temperatur und Feuchtigkeit gesteuert.

Das ist wichtig, damit die Raupen genau dann schlüpfen, wenn genügend Nahrung – vor allem frische Maulbeerblätter – vorhanden ist.

 

Die Raupe: Wenn Temperatur und Feuchtigkeit entsprechend eingestellt werden, beginnen sich die Embryonen zu entwickeln.

Nach ungefähr 10–14 Tagen schlüpfen die winzigen Raupen – abhängig von Rasse und Bedingungen.

Die frisch geschlüpften Raupen sind nur wenige Millimeter groß.

 

Jetzt beginnt die eigentliche Seidenraupenzucht.

Die Raupen werden regelmäßig mit frischen Maulbeerblättern gefüttert.

 

Sie durchlaufen dabei fünf Larvenstadien und häuten sich viermal.

Dabei wachsen sie enorm:

Wenige mm → etwa 7–8 cm große ausgewachsene Raupe

 

Der Kokon: Nach ungefähr 25–30 Tagen, wiederum abhängig von Rasse und Bedingungen, hört die Raupe auf zu fressen.

Sie sucht einen geeigneten Platz und beginnt:

einen Kokon aus einem einzigen langen Seidenfaden zu spinnen.

Das kann ungefähr 2–3 Tage dauern.

Im Kokon verwandelt sich die Raupe zur Puppe.

 

 

Schritt 1 – Maulbeerbäume Die Raupen werden mit Maulbeerblättern gefüttert.

Schritt 2 – Raupe 🐛

Die Raupe wächst über mehrere Entwicklungsstadien und beginnt schließlich, einen Kokon zu spinnen.

Schritt 3 – der Kokon

Die Raupe produziert einen extrem langen Faden aus Fibroin, einem Protein.

Dieser Faden wird von Sericin, einem natürlichen Seidenleim, zusammengehalten.

Ein Kokon besteht aus einem langen, zusammenhängenden Seidenfaden.

 

Stirbt die Raupe bei normaler Seide? - Ja.

Das ist einer der wichtigsten Punkte bei Seidenartikel.

Bei der klassischen Seidenproduktion wartet man nicht, bis der Falter aus dem Kokon schlüpft.

 

Warum?

 

Weil der Falter beim Schlüpfen den Kokon aufbrechen würde.

Der lange, durchgehende Seidenfaden wäre dadurch beschädigt und könnte nicht mehr in dieser Form abgehaspelt werden.

Deshalb werden die Kokons vor dem Schlüpfen der Motte behandelt.

Dieser Vorgang wird Stifling genannt.

Dabei wird die Puppe im Kokon durch Dampf oder heiße Luft getötet

 

Wie wird daraus Garn?

Nach dem Töten der Puppe werden die Kokons in heißem Wasser behandelt.

Das Wasser löst einen Teil des Sericins, also des Seidenleims.

Dann werden mehrere sehr feine Filamente zusammengeführt und abgehaspelt:

Kokon → heißes Wasser → Faden finden → Abhaspeln → mehrere Fäden zusammenführen → Rohseide

Danach folgen je nach Produkt:

  • Waschen
  • Entbasten/Entschälen
  • Färben

Die klassische Rohseidenproduktion benötigt dabei auch erhebliche Mengen an Energie und Wasser. Die FAO nennt für die Herstellung von einer Tonne Rohseide etwa 850–1.000 Tonnen Wasser allein im Bereich der Rohseidengewinnung/Reeling. Das ist circa 3x so viel wie bei der Produktion von Baumwolle.

 

Werden Chemikalien verwendet?

Bei der eigentlichen Gewinnung des Seidenfadens sind zunächst relativ wenige bis keine Chemikalien nötig.

Sehr wichtig ist aber die Weiterverarbeitung.

Entbasten / Degumming

Das Sericin wird entfernt.

Eine aktuelle LCA-Studie zur Seidenproduktion zeigt, dass insbesondere Degumming, Färbung und weitere Nassprozesse erhebliche Mengen Wasser und Chemikalien benötigen können.

 

Wie hoch ist der Ressourcenverbrauch?

Hier wird es interessant, denn:

Seide ist zwar eine Naturfaser, aber nicht automatisch eine ressourcenschonende Faser.

Die Seidenraupen brauchen große Mengen Nahrung.

Das bedeutet: Maulbeerplantagen – Land, Wasser, Dünger, Pflege, Energie

Dazu kommen: Aufzucht – Kokon, Tötung der Puppe, Hitze, Abhaspeln, Entbasten, Färben

Eine aktuelle Lebenszyklusanalyse identifiziert insbesondere die Kokonverarbeitung und das Reeling als wichtige Umwelt-Hotspots. Auch Färbung und Nassveredelung können erheblich zu Wasser- und Chemikalienverbrauch beitragen.

Eine andere LCA verglich Seide mit Baumwolle, Leinen und Jute und kam zu dem Ergebnis, dass Seide in mehreren untersuchten Umweltkategorien eine hohe Belastung aufweisen kann. Die genaue Bewertung hängt allerdings stark von Systemgrenzen und Produktionsweise ab.

 

Aber sterben wirklich bei jeder Seide die Tiere?

Nein. Und genau hier liegt der Unterschied

Es gibt Seidenarten bei denen kein Tier sterben muss, aber zum Preis der Qualität.

 

Eri-Seide

Eri ist besonders interessant.

Die Raupe wird häufig nicht getötet, bevor der Kokon geöffnet wird.

Der Falter kann den Kokon verlassen.

Danach wird die verbleibende Faser verarbeitet.

Deshalb wird Eri häufig als „peace silk“ oder „Ahimsa silk“ bezeichnet.

Die Faser ist allerdings anders:

Kürzer und weniger glatt.

Tussar / Tasar

Tussar ist eine Wildseide

Die Raupen leben auf verschiedenen Baumarten und werden teilweise in natürlichen oder naturnahen Systemen gehalten.

Hier muss man aber genau hinschauen:

„Wild Silk“ bedeutet nicht automatisch, dass die Tiere überleben.

Je nach Produktionsmethode können Kokons gesammelt werden, bevor oder nachdem der Falter geschlüpft ist.

Man muss also den konkreten Hersteller bzw. die konkrete Produktionsweise kennen.

 

Muga

Muga stammt hauptsächlich aus Assam in Indien und wird vom Muga-Seidenspinner produziert.

Die Raupen leben auf bestimmten Wirtspflanzen.

Muga-Seide ist für ihre natürliche goldene Farbe und ihre hohe Haltbarkeit bekannt.

Auch hier gilt:

Die Bezeichnung allein sagt nicht automatisch, ob die Puppe getötet wurde.

 

„Peace Silk“ / Ahimsa Silk

 

„Peace Silk“ und „Ahimsa Silk“ sind keine einheitlichen, weltweit verbindlichen Zertifizierungen.

Die Begriffe werden für Seide verwendet, bei deren Gewinnung der Falter den Kokon verlassen darf.

Aber:

Nicht einfach nur auf das Wort „Peace Silk“ vertrauen – nachfragen, wer den Standard definiert und wie die Produktion kontrolliert wird.

Das ist ein ganz wichtiger Unterschied zwischen:

Marketingbegriff und unabhängig zertifiziertem Standard.

 

Tierwohl bei Seide

Hier entsteht eine interessante ethische Frage: Bei Wolle kann das Tier nach der Schur weiterleben. Bei klassischer Seide wird die Puppe im Kokon getötet.

Das macht Seide aus Tierschutzsicht grundsätzlich anders als Wolle.

Gleichzeitig ist die Frage schwierig, weil Insekten biologisch und rechtlich anders bewertet werden als Säugetiere.

 

„Bei klassischer Maulbeerseide wird die Puppe getötet, bevor der Falter schlüpfen kann. Wer tierische Tötung vermeiden möchte, sollte nach Seide suchen, bei der der Falter den Kokon verlassen darf – und die Produktionsweise nachvollziehbar belegt ist.“

 

12. Trageeigenschaften

Hier spielt Seide ihre großen Stärken aus.

Seide ist:

sehr weichm, glatt, leicht, temperaturregulierend, atmungsaktiv, feuchtigkeitsaufnahmefähig, sehr reißfest für ihr Gewicht, glänzend, angenehm auf der Haut

Und:

Seide ist erstaunlich langlebig, wenn sie richtig gepflegt wird.

Das muss in deine Umweltbilanz hinein.

Denn ein Kleidungsstück, das 20 Jahre getragen wird, ist ökologisch etwas völlig anderes als ein Teil, das nach zwei Jahren ersetzt wird.

 

13. Pflege

Seide ist allerdings empfindlicher als Wolle.

 

Schweiß

Seide besteht hauptsächlich aus dem Protein Fibroin. Schweiß enthält unter anderem Wasser, Salze und Stoffwechselprodukte und kann je nach Person und Situation leicht sauer oder alkalisch sein.

Gerade in Bereichen wie Achseln, Kragen und Rücken bleibt Schweiß länger im Gewebe. Die enthaltenen Salze können die Faser mit der Zeit schwächen und Verfärbungen verursachen. Besonders problematisch wird es, wenn Schweiß wiederholt einwirkt und anschließend Sonnenlicht dazukommt. Untersuchungen zeigen, dass Schweiß die durch Sonnenlicht verursachte Schädigung von Seide verstärken kann.

Typische Folgen:

  • Vergilbung
  • dunklere oder hellere Stellen
  • Farbveränderungen
  • langfristig Verlust an Reißfestigkeit

 

Sonnenlicht – eigentlich der größte Feind

UV-Strahlung kann nicht nur die Farbe verändern, sondern auch die Proteinstruktur angreifen. Die UV-Strahlung löst photochemische Reaktionen in den Aminosäuren der Seide aus. Dadurch kann die Faser mit der Zeit:

vergilben → an Festigkeit verlieren → spröde werden → schließlich brechen.

 

Auch die Farbstoffe können durch UV-Strahlung abgebaut werden und dadurch verblassen. Besonders ungünstig ist die Kombination:

☀️ UV + 💧 Schweiß + 🧴 Rückstände von Deo/Parfum

Denn Schweiß kann die lichtbedingte Schädigung zusätzlich verstärken. In einer älteren NIST-Untersuchung führte die Kombination von Schweiß und Sonnenlicht zu deutlich stärkerem Festigkeitsverlust als Sonnenlicht allein.

 

Deodorant & Antitranspirant

Hier muss man Deodorant und Antitranspirant unterscheiden.

Antitranspirants enthalten häufig Aluminiumsalze, die die Schweißbildung reduzieren. Rückstände können zusammen mit Schweiß zu Verfärbungen und Veränderungen der Faser führen. Gerade die Achselbereiche sind deshalb besonders gefährdet. Zusätzlich können manche Deos Alkohol oder andere Bestandteile enthalten, die Farbstoffe beeinflussen können.

Deshalb: Deodorant nicht direkt auf Seide sprühen und vollständig trocknen lassen, bevor das Kleidungsstück angezogen wird.

 

Parfum

Parfum ist vor allem wegen seiner Alkoholbestandteile und Duftstoffe problematisch.nEinige Seidenfarbstoffe reagieren empfindlich auf Alkohol. Dadurch kann es zu Farbveränderungen oder Ausbluten der Farbe kommen. Besonders bei dunklen oder kräftig gefärbten Seiden kann das sichtbar werden.

Deshalb gilt: Parfum zuerst auf die Haut → trocknen lassen → Seidenkleidung anziehen. Nicht direkt auf die Seide sprühen.

 

Pflege Empfehlung:

  • kalt oder lauwarm waschen
  • spezielles Feinwaschmittel
  • nicht stark schleudern
  • nicht wringen
  • nicht in die pralle Sonne legen
  • vorsichtig bügeln
  • Pflegeetikett beachten

 

 

Recycling

Seide kann grundsätzlich wiederverwendet und recycelt werden.

Besonders interessant:

Recycled Silk

Hier werden beispielsweise:

  • Produktionsreste
  • Webereireste
  • Garnreste
  • alte Seidentextilien

wiederverarbeitet.

Allerdings ist Recycling schwieriger, wenn Seide mit anderen Fasern gemischt wurde.

100 % Seide ist deshalb für einen späteren Recyclingprozess wesentlich interessanter

 

Ist Seide biologisch abbaubar? Ja.

Seide besteht hauptsächlich aus Protein, insbesondere Fibroin.

Damit ist sie grundsätzlich biologisch abbaubar.

Sie kann durch Mikroorganismen und natürliche Prozesse zersetzt werden.

Aber auch hier gilt:

Es gibt keine seriöse universelle Zahl wie „Seide zerfällt in genau 2 Jahren“.

Die Geschwindigkeit hängt ab von:

  • Temperatur
  • Feuchtigkeit
  • Mikroorganismen
  • Boden
  • Sauerstoff
  • Färbung
  • Beschichtung
  • Mischfasern

 

16.  Welche Zertifikate sind interessant?

Zertifikate gibt es in den Bereichen: Rohstoff, Tierwohl, Verarbeitung und Recycling.

 

GOTS

Der Global Organic Textile Standard kann auch für Bio-Seide verwendet werden.

GOTS umfasst nicht nur die Faser, sondern die gesamte zertifizierte textile Lieferkette – von der Verarbeitung der Faser bis zum fertigen Produkt.

GOTS verlangt außerdem Anforderungen an Umwelt, Chemikalien, soziale Kriterien und Tierwohl.

 

OCS

Organic Content Standard

→ überprüft vor allem den Anteil zertifizierter Biofasern und deren Rückverfolgbarkeit.

Certified Wildlife Friendly®

Kann für bestimmte Seidenprogramme interessant sein, insbesondere bei Seiden aus naturnahen/wildlebenden Systemen. Textile Exchange führt diesen Standard als mögliche Option für bevorzugte Seiden.

 

GRS / RCS

Für recycelte Seide.

 

WFTO

Interessant für Fair-Trade-Aspekte, allerdings ist das kein klassisches „Seiden-Tierwohl-Zertifikat“. Textile Exchange nennt WFTO ebenfalls als relevanten Ansatz im Bereich bevorzugter Seiden.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.